FILMEN UNTER EINFLUSS

HAPPY REVOLUTION - views on iran. 30 years later.
Filmreihe vom 11.–19.12.2009
19.12., 17 und 21.30 Uhr
19.12.2009, 17 Uhr
LETTERS TO THE PRESIDENT
Regie: Petr Lom
Can 2008, 74’
Vor allem seine unendliche Geduld beim Warten auf Drehgenehmigungen ermöglichte es dem Kanadier Petr Lom, den Film fertig zu stellen.
Sein unmittelbares Thema sind jene Bittstellerbriefe, in denen man beim Präsidenten Mikrokredite beantragt, eine ungerechte Behandlung durch Behörden beklagt oder anderweitig um Unterstützung bittet. Diese Briefe werden in einer eigenen Behörde gesammelt und ausgewertet, die man mit Fug und Recht als „kafkaesk“ bezeichnen kann. Im Zentrum von Loms Film stehen jedoch jene Leute, die von westlichen Beobachtern oft zu den Unterstützern Ahmadinedjats gerechnet werden, und die doch kaum Eingang finden in das Gros der Dokumentarfilme und Reportagen zum Thema: die Armen, die einfachen Arbeiter, die Landbevölkerung. Wenn Lom den populistischen Präsidenten bei der Reise in sein Heimatdorf, zu Wahlveranstaltungen begleitet, zeigt sich bald, wie komplex iranische Realitäten sind. Tatsächlich loben alle den starken Mann, auf den zweiten Blick schimmert jedoch massive Unzufriedenheit mit seiner Wirtschaftspolitik durch.
Es liegt eine grimmige Komik darin, wie der Zuschauer Zeuge von unterschiedlichen, wenig subtilen Versuche wird, das Filmen massiv zu manipulieren und die Perspektive des Filmemachers zu lenken.
19.12.2009, 21.30 Uhr
BASSIDJI
Regie: Mehran Tamadon
Fr/Ir/Ch - 2009 – 114’
Der aktuelle Film von Mehran Tamadon spürt den Bassidji nach, jenen Paramilitärs, die durch Agitation, Spitzeltätigkeit und Gewaltanwendung in der Bevölkerung für die Einhaltung der iranisch-islamischen Werteordnung sorgen.
Tamadons filmische Reise durch die Seele des Systems beginnt auf den Schlachtfeldern des Iran-Irak-Krieges, wo die Bassidji in den 1980ern als Himmelfahrtskommandos rekrutiert wurden. In Gesprächen mit Veteranen und jungen Eiferern zeigt Tamdon, wie durch diesen Krieg der schiitische Gründungsmythos vom „heiligen Martyrium“ reaktiviert, als romantisches Ideal mit der Islamischen Revolution verschaltet und bald unauflösbar mit dem Machtapparat verschmolzen wurde.
Dann, in der Großstadt sucht Tamadon nach urbanen Gegenbildern, begleitet einfache Milizionäre zu Kundgebungen, Trauerzeremonien, Patrouillenfahrten, und findet auch den Alltag der Bassidjis durchsetzt mit den Verlockungen der »Moderne« – in Form von DVDs und CDs. Wahrhaft in die Höhle des Löwen wagt sich der Filmemacher, wenn er hochrangigen Vertretern begegnet, ihrer Schlagfertigkeit und brillanten Rhetorik setzt er die scheinbar naive Perspektive des Exiliraners entgegen. Dem »Narr« gelingen so Blicke hinter fundamentalistische Fassaden.
Iranisches Kino entsteht im Spannungsfeld mehrfacher Einflussnahmen: Im Inneren von der Zensur gegängelt, werden FilmemacherInnen nach außen hin als kulturelle Aushängeschilder vereinnahmt. Die Filmreihe will ein Stimmungsbild nach dreißig Jahren Islamischer Republik einfangen. Besonders deutliche Konturen vermitteln sich in der Außensicht des Heimkehrers oder Fremden sowie über den Blick auf marginalisierte Figuren wie KünstlerInnen und MusikerInnen. Der Dokumentarfilm stößt dabei auf eine von Ausblendungen und gesteuerter Erinnerung geprägte Geschichtsschreibung. Der Spielfilm schafft es im Einzelfall, solche im heimischen Bilderfundus verdrängten und im Ausland unbekannten Realitäten zu re-inszenieren.